Ich gebe es zu: Im Augenblick sieht die Weltlage (mal wieder) nicht so rosig aus. Bei vielen von uns wächst daher das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Globale Krisen, politische Spannungen, technologische Umbrüche, all jene Neuerungen vermitteln den Eindruck, vom handelnden Subjekt zum getriebenen Objekt zu werden.
Diese Wahrnehmung ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Verantwortung wird zunehmend verschoben. Statt strukturelle Herausforderungen, wie den Klimawandel, entschlossen anzugehen, entstehen Schuldzuweisungen in alle Richtungen: Staaten zeigen auf andere Kontinente, Unternehmen verweisen auf Konsument*innen. Individuen sollen durch ihr Einkaufsverhalten (‘Kauf ein Lastenfahrrad’, ‘Spare Energie’, ‘Iss Bio’) die Welt retten.
Doch umso dramatischer die Nachrichtenlage wird, umso öfter frage ich mich, warum wir ausschließlich in der Vergangenheit (Sprichwort: Nostalgie) verweilen oder die Zukunft herbeisehnen. Was ist eigentlich mit dem Augenblick, der Gegenwart, geworden? Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Hiermit meine ich nicht den aktuellen „Selfcare-Trend“ oder die „New-Me-Ära“, sondern eine bewusste Abkehr von der nostalgischen Rückschau, hin zu der Zeitspanne, die wir gezielt und aktiv verändern können: Den Augenblick. Jener Moment, in welchem Entscheidungen getroffen, Haltungen gebildet und Weichen gestellt werden.
Design Futuring als Möglichkeit, um Zukunft zu gestalten
Konkret bedeutet das, dass wir gerade jetzt keine rückwärtsgewandte Reformation, sondern eine zukunftsgerichtete Transformation brauchen. Es müssen neue Dinge hinzukommen und hierzu gehört auch, dass man manches loslassen sollte, um Innovation zu ermöglichen und ja, das gilt auch für den Grundgedanken des kapitalistischen Wachstumsideals (sprich: Höher, weiter, schneller), welcher von Anfang an endlich war, auch wenn es uns schwerfällt, das zu akzeptieren.
Unsere „Zukunftsfrage“ sollte hierbei sein: Was passiert, wenn der Wirtschaftszweck nicht mehr aus „Wachsen, leisten und produzieren“ besteht, vielleicht auch deshalb, weil die künstliche Intelligenz diese Aufgaben übernimmt? Wer sind wir als Menschen, wenn wir nicht mehr dem Leistungsnarrativ folgen? Welche Bedeutung hat unsere Existenz im Angesicht einer solchen Entwicklung?
Bei solchen Fragestellungen hilft uns das sogenannte Design Futuring. Es ist eine Art „Widerstands-Tool“ gegen den Zynismus und die Erstarrung, welche einkehren, wenn die Zukunft düster und unsicher wirkt. Wir schaffen mittels dieser Methode eine Art gestaltbaren Raum, in dem verschiedene Zukünfte denkbar, vorstellbar, verhandelbar werden.
Wir nutzen hierbei den Grundgedanken der Transformation, der als beständiger Prozess verstanden werden sollte, in welchem die Spielregeln und Parameter stets neu verhandelt und hierdurch der Perspektivwechsel und der Fokus dauerhaft neu gedacht, in Frage gestellt und nachjustiert werden.
Kohärenz schaffen zur Überwindung der eigenen Vergangenheitsnostalgie
Letztlich dienen solche „Gedankenexperimente“ dazu, die eigene Resilienz und Handlungsfähigkeit zu stärken. Wir erfahren hierdurch, welche Idee mit unseren Werten und Gefühlen resoniert und hierdurch eine Kohärenz schafft, die unser Handeln und Sprechen positiv beeinflusst.
Kurz gesagt: Wir hören auf, in Vergangenheitsillusionen zu verharren und widmen uns stattdessen verschiedensten Zukunftsszenarien, in der Hoffnung, dass eine dieser Visionen tatsächlich ihre Verstetigung findet. Natürlich müssen wir an dieser Stelle akzeptieren, dass wir stets eine Art künstliche Sicherheit in einer Welt der Unsicherheit schaffen wollen, denn letztlich ist nichts zu 100% vorhersehbar.
Und trotzdem plädiere ich dafür, Zukunft „neu“ zu denken, sie als Spielplatz, Übungsraum, oder eine Forschungsstation zu betrachten. Etwas, das es aktiv zu gestalten, zu erleben, zu entdecken und zu verändern gilt. Es ist ein Raum, in dem wir es unserem Geist erlauben, seine Hand auszustrecken und der Sehnsucht nach neuen Welten, Ideen und kreativen Lösungen nachzugeben. Dass wir dazu in der Lage sind und hierbei auch noch die Gedanken und Erfahrungen anderer berücksichtigen können, besagt bereits die sogenannte „theory of mind“, also die Idee, dass wir uns in andere Menschen hineinversetzen und hierdurch unseren eigenen Erfahrungshorizont erweitern können.
Entsprechend verwundert es nicht, dass Zukunft immer dort gedacht wird, wo wir unsere kollektive Intelligenz nutzen, und Räume schaffen, in welchen Co-Creation erlebbar wird. Dies war auch die Grundidee hinter unserem Future Work Hub sowie hinter berühmten Think Tanks, Zukunftswerkstätten und Denklaboren.
Menschen, die in einem solchen Kontext zusammenkommen, halten sich nicht an den Spruch: Lebe jeden Tag, als wäre es dein Letzter. Stattdessen folgen sie dem Impuls:
Leben jeden Tag, als wäre es dein Erster.
Sie lassen sich nicht nur von ihrer geschulten Wissbegierde, sondern von ihrer unschuldigen Neugierde leiten, die sie dazu einlädt, zu wagen, zu experimentieren und zu staunen.
Hier können wir auch dem Konzept des Schriftstellers David Brooks folgen, welcher darauf hinwies, sich nicht nur auf die Lebenslauftugenden zu konzentrieren, also jene Eigenschaften und Erfahrungen, welche vor allem in der Arbeitswelt sowie innerhalb unserer Gesellschaft gerne gesehen werden (sogenannte Hard Skills), sondern auch die „Trauerredentugenden“ zu berücksichtigen. Hierbei handelt es sich vor allem um jene Eigenschaften und Charakteristika, welche uns als Mensch und Persönlichkeit ausmachen, wie beispielsweise unser Engagement, unsere Güte oder Empathie. Auch das Vier-Phasen-Modell der Kreativität nach Graham Wallas bietet in diesem Kontext eine gute Grundlage, um aus wagen Ideen, echte Prototypen werden zu lassen. Beginnend mit einer Vorbereitungsphase (Welche Herausforderung haben wir?), hin zum Inkubieren (Brainstorming – Perspektivwechsel – Abstand gewinnen), sodass die berühmte Illumination (Eine Art „Geistesblitz) und letztlich die Verifizierung (Prototyp) folgen kann. Gamification bildet hierbei die „Kirsche auf dem Eis“, um das Gehirn auf neue Abwege zu schicken und neue, spielerische Denkräume zu schaffen, die vorhandene Denkroutinen durch Elemente des Design Thinkings überwinden.
Durch Possibilismus die Welt neu denken
Für manche sind solche Gedankenexperimente zu wage, zu theoretisch und in der Praxis schwer umsetzbar, doch in einem Kontext, in welchem die Teilnehmenden nicht problemfokussiert, sondern lösungsorientiert sind, entstehen Ideen wie das von Trend- und Zukunftsforscherin Oona Horx Strathern ausgearbeitete Konzept der „Kindness Economy“. Das Wirtschaftskonzepte nicht nur nachhaltig oder ökonomisch sinnvoll, sondern auch sozial verträglich sein können, zeigt sich anhand der „Wellbeing Allowance“ in Schweden, in welcher Unternehmen steuerfreie Sozialleistungen anbieten können, um die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu fördern. Auch in Deutschland ist dieses Konzept nicht neu, erkennen wir doch zunehmend, dass die wertschöpfende (Arbeits-)Kraft eine endliche Quelle ist, die es nachhaltig zu erhalten gilt.
Es ist positiv zu sehen, dass einige Wirtschaftsbereiche sich als „Innovationstreibende“ betrachten und sich zunehmend von dem „Sunk Cost Fallacy“- Gedanken abwendet. Sie betrauern nicht, was war oder was investiert wurde, halten nicht an alten Gewohnheiten und Strukturen fest , weil „es schon immer so gemacht wurde“. Sie haben den Zahn der Zeit erkannt, gehen voran und haben ihre gesamte Unternehmenskultur auf das „implemental Mindset“, also jene Denkrichtung ausgerichtet, die auf Umsetzung fokussiert ist.
Letztlich kommt es auf jede/n Einzelne/n an, ob wir es schaffen unsere Verlustaversion zu überwinden und Ideen, Konzepte und Strukturen wieder neu zu denken, denn schließlich hat bereits Platon in seiner Anamnesis gesagt:
Suchen und Lernen ist gänzlich Wiedererinnerung.
Manchmal geht es also nicht darum, stets neue Innovationen zu kreieren oder den neuesten Software- oder Hardware-Hit auf den Markt zu werfen, um sich als Teil der Zukunft zu betrachten. In vielen Fällen reicht das Wiedererinnern und Wiederentdecken von Wissen aus, um Zukunft mitzugestalten.


